Public Thoughts

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Die Pilotprojekt-Falle: Warum Deutschlands Pilotitis die staatliche Souveränität gefährdet.

Es ist das Standard-Rezept der deutschen Verwaltungsdigitalisierung: Wenn eine neue Technologie wie KI auftaucht, rufen wir nach einem Pilotprojekt. Was vernünftig klingt, ist in Wahrheit das Grab der Innovation. Denn wer pilotiert, muss nicht skalieren. Es ist Zeit, die „Pilotitis“ zu beenden und endlich in systemischer Administrative Intelligence zu denken. Meine Gedanken zu einer neuen Form der Verwaltungsdigitalisierung.


In deutschen Rathäusern und Ministerien herrscht eine seltsame Krankheit. Die sogenannte „Pilotitis“. Die Symptome sind immer gleich: Man nehme eine hochrelevante Technologie – sagen wir Generative KI –, suche sich eine kleine, isolierte Fachabteilung und starte einen sechsmonatigen Testlauf. Am Ende gibt es eine schöne Pressemitteilung, ein glänzendes PDF und eine Urkunde für „innovative Verwaltung“.


Und dann? Dann passiert meistens: Nichts.


Während wir in der zehnten Kommune den elften Chatbot „pilotieren“, skalieren US-Konzerne ihre Plattformen bereits in die Fläche unserer kritischen Infrastruktur. Wir testen das Rad, während andere bereits die Logik für den gesamten Staat der Zukunft bauen.

Das Missverständnis der „Vorsicht“


Das Argument für den Piloten ist immer die Sicherheit: „Wir müssen erst einmal schauen, ob das funktioniert.“ Im Kontext von GovTech ist dieses Argument jedoch oft ein Trugschluss.

  1. Isolation verhindert Integration: Ein Pilotprojekt findet im Vakuum statt. Es nutzt oft Behelfs-Schnittstellen und Sondergenehmigungen. Die echte Herausforderung – die Integration in die Tiefe der Verwaltung, die Anbindung an E-Akten und Fachverfahren – wird auf „später“ verschoben. Doch „später“ kommt im Haushaltstitel selten vor.


  2. Skalierung ist eine andere Sportart: Etwas für 50 Sachbearbeiter zum Laufen zu bringen, ist Handwerk. Es für 50.000 Mitarbeiter sicher, datenschutzkonform und hochverfügbar auszurollen, ist Industriepolitik. Wer nur pilotiert, lernt nichts über die Skalierung.


  3. Die Kosten der Langsamkeit: Während wir pilotieren, zementieren wir die Abhängigkeit von Altsystemen. Jeder Monat, den wir mit isolierten Tests verbringen, ist ein Monat, in dem wir keine echte digitale Souveränität aufbauen.

Souveränität braucht keine Tests, sondern Intelligence


Echte digitale Souveränität entsteht nicht dadurch, dass wir „mal schauen, was KI so kann“. Sie entsteht, wenn wir systemische Handlungsfähigkeit bauen.


Wenn wir über KI in der Verwaltung sprechen, dürfen wir nicht über den nächsten isolierten Use Case reden. Wir müssen über Administrative Intelligence reden – eine operative Schicht, die KI-Agenten, Datenräume und rechtssichere Automatisierung so miteinander verknüpft, dass der Staat wieder atmen kann.


Der Staat muss aufhören, wie ein Kurator von Einzellösungen zu agieren, und anfangen, wie ein System-Architekt zu denken. Ein Architekt testet nicht in jedem Haus neu, ob Statik funktioniert – er setzt auf eine Logik, die Skalierung als Standard voraussetzt.

Vom Projekt zum Prinzip: Scale by Default


Wir brauchen einen radikalen Kurswechsel in der Beschaffung und Umsetzung:

  • Scale-by-Default: Jedes Projekt muss vom ersten Tag an so konzipiert sein, dass es theoretisch morgen bundesweit ausgerollt werden kann. Wenn es nicht skalierbar ist, sollte es nicht finanziert werden.


  • Intelligence Layer statt Silo: Wir müssen aufhören, Geld in die hundertste individuelle Frontend-Lösung zu stecken. Investieren wir stattdessen in die operative Intelligenz – die Systeme, die im Hintergrund Anträge prüfen, Bescheide entwerfen und Daten sicher fließen lassen.


  • Souveränität durch Marktmacht: Anstatt Jahre in Eigenentwicklungen zu investieren, die bei Fertigstellung bereits veraltet sind, sollte der Staat die besten europäischen Startups als Partner begreifen, die bereits skalierbare Lösungen im Regal stehen haben.

Fazit: Das Ende der Spielwiese


Wir haben in Europa kein Erkenntnisproblem. Wir haben ein Umsetzungsproblem. Die Technologie ist da. Die Startups sind da. Was fehlt, ist der Wille, die Komfortzone des ewigen Testens zu verlassen.


Digitale Souveränität ist kein Projekt, das man „ausprobiert“. Es ist eine Entscheidung, die man trifft. Es ist Zeit, die Spielwiese zu verlassen und ernsthaft mit dem Bau des autonomen Staates von morgen zu beginnen.


Souveränität wird nicht erwiesen – sie wird durch Skalierung erzwungen.


Die „Pilotitis“ zu heilen bedeutet, den Mut zur Skalierung zurückzugewinnen. Doch Skalierung ist kein bloßer Wille - sie ist eine Frage der Architektur. Wenn wir aufhören wollen, isolierte Use-Cases zu jagen, müssen wir eine Ebene höher denken.


Wir brauchen eine Schicht, die über der reinen Infrastruktur liegt und die spezifische Logik unseres Staates operativ beherrscht. Eine Administrative Intelligence. Sie ist der Schlüssel, um von der digitalen Fassade zur echten staatlichen Handlungsfähigkeit zu kommen.


Wie genau diese Architektur aussehen kann und warum sie das neue Betriebssystem für unsere Kommunen werden muss, werde ich im kommenden Monat in einem Artikel aufzeigen.