In Kürze
- Die Sorge, KI höhle Fachkompetenz aus, ist berechtigt. Sie trifft aber auf einen bestimmten Umgang mit KI, nicht auf KI als solche.
- Deskilling entsteht, wenn Mitarbeitende aufhören, ihr Urteil einzusetzen, weil das System es übernimmt. Wer KI als Verlängerung des eigenen Denkens nutzt, gewinnt. Wer sie als Ersatz einsetzt, gibt etwas ab, das sich schwer zurückgewinnen lässt.
- Ob Mitarbeitende das Werkzeug führen oder von ihm geführt werden, ist keine technische Frage. Es ist eine Frage der Einführung, der Begleitung und der Zeit, die Organisationen dafür bereitstellen.
- Eine Mitarbeiterin im Rechnungswesen der Stadt Laichingen hat sich eigenständig in Ayunis Core eingearbeitet, einen komplexen Kalkulationsprozess damit aufgebaut und rund 50 Prozent Zeitersparnis erreicht. Das ist das Zielbild.
In der Stadtverwaltung Laichingen in Baden-Württemberg hat eine Mitarbeiterin Mitte 50, die in Teilzeit arbeitet und seit Jahren im Rechnungswesen tätig ist, sich im Herbst 2026 eigenständig in Ayunis Core eingearbeitet. Sie wollte die Kalkulation der städtischen Marktgebühren damit unterstützen, einen Prozess, bei dem historische Einnahmen und Ausgaben, Bauhofkosten, Tarifentwicklungen und Prognosen zusammengeführt werden müssen. Das Ergebnis: Sie schätzte die Zeitersparnis auf rund 50 Prozent. Beim Vor-Ort-Termin präsentierte sie den Prozess dem Ayunis-Team. Man konnte ihr ansehen, wie stolz sie auf das war, was sie erarbeitet hatte.
Diese Geschichte widerspricht einer Sorge, die in vielen Verwaltungen kursiert: dass KI Mitarbeitende dümmer macht, Fachkompetenz aushöhlt und am Ende Sachverstand ersetzt. Die Sorge ist berechtigt. Sie trifft aber auf einen spezifischen Umgang mit KI, nicht auf KI als solche.
Was Deskilling tatsächlich bedeutet
Deskilling, wörtlich der Verlust von Fähigkeiten, ist kein neues Phänomen. Es tritt auf, wenn Werkzeuge so eingesetzt werden, dass die menschliche Kompetenz, die das Werkzeug ersetzen soll, nicht mehr gebraucht und deshalb nicht mehr gepflegt wird. Ein Sachbearbeiter, der Bescheide nicht mehr selbst formuliert, weil KI das übernimmt, verliert über Zeit das Gespür für Sprache, Präzision und rechtliche Tragfähigkeit. Eine Juristin, die Texte nicht mehr inhaltlich prüft, weil sie dem KI-Output vertraut, verliert die Fähigkeit zur Prüfung. Das passiert schleichend und fällt selten auf, bis es zu spät ist.
Das Artificiality Institute beschreibt in seiner Forschung zu menschlicher Anpassung an KI-Systeme das Konzept der "Cognitive Permeability", also wie tief jemand KI in das eigene Denken eindringen lässt. Wer KI als Verlängerung des eigenen Urteilsvermögens nutzt, profitiert. Wer KI als Ersatz für das eigene Denken einsetzt, gibt dabei etwas ab, das sich nur schwer zurückgewinnen lässt. Die Grenze ist keine technische, sie ist eine des Umgangs.
Der Centaur als Zielbild
In Teil 2 dieser Serie wurde der Reverse Centaur eingeführt: das Bild für einen Menschen, der zum Ausführungsorgan eines Algorithmus wird. Das Gegenbild dazu ist der Centaur selbst. Der Begriff stammt aus der Schachwelt und beschreibt die Kombination aus menschlichem Spieler und Computeranalyse, bei der der Mensch das Werkzeug führt und das Ergebnis beider zusammen besser ist als jedes für sich. Auf die Verwaltung übertragen: eine Sachbearbeiterin, die KI für Recherche, Strukturierung und Erstentwürfe einsetzt, dabei aber die fachliche Einschätzung, das Kontextwissen und die Verantwortung behält.
Die Mitarbeiterin aus Laichingen ist ein Centaur. Sie hat KI genutzt, um einen komplexen Kalkulationsprozess schneller und vollständiger zu bearbeiten, und dabei mehr über den Prozess gelernt. Das System hat Vorarbeit geleistet, das Urteil blieb bei ihr.
Warum das eine Führungsfrage ist
Ob Mitarbeitende zu Centauren oder zu Reverse Centauren werden, hängt von der Art ab, wie KI eingeführt und begleitet wird. Der Befund aus Laichingen, Herzebrock-Clarholz, Tauberbischofsheim, Petersberg und Ergolding ist überall ähnlich: Die meisten Mitarbeitenden, auch diejenigen mit dem höchsten Nutzungsanteil, haben die tieferen Funktionen kaum angeschaut, weil niemand ihnen im Alltag gezeigt hat, was damit möglich ist. KI-Einführung braucht Begleitung. Neugier ist vorhanden, aber sie braucht Raum: Zeit zum Ausprobieren, konkrete Anwendungsfälle aus dem eigenen Fachbereich und jemanden, der den ersten Schritt gemeinsam geht.

Was stattdessen wirkt, zeigt sich an Petersberg: Die Digitalisierungsbeauftragte ist in die einzelnen Ämter gegangen, hat gefragt, wobei KI konkret helfen kann, und hat gemeinsam mit Mitarbeitenden erste Anwendungsfälle entwickelt. Das Gespräch vor Ort hat mehr bewegt als jede Nachricht im Postfach. Ayunis unterstützt diesen Prozess mit der Core Academy, einem strukturierten Einführungsprogramm mit Kurzvideos und einem Zertifikat nach EU AI Act, und mit einem Customer-Success-Team, das Kommunen aktiv bei der Fachbereichsbegleitung unterstützt. Aber die Grundbedingung muss die Organisation selbst schaffen: Mitarbeitenden muss Zeit gegeben werden, das Werkzeug wirklich kennenzulernen.
Drei Dinge helfen dabei strukturell:
- Verbindlichkeit beim Einstieg: Ein Onboarding, das nicht überflogen werden kann, legt den gemeinsamen Ausgangspunkt. In Petersberg hat die Pflicht zum KI-Führerschein, einem kurzen Zertifikatskurs zur verantwortungsvollen Nutzung, dafür gesorgt, dass alle Mitarbeitenden dasselbe Grundverständnis mitbrachten, bevor sie mit dem Arbeiten begannen.
- Fachbereichsnahe Begleitung: Mitarbeitende entwickeln eigene Anwendungsfälle, wenn jemand mit ihnen gemeinsam sucht. Nicht in einer Frontalschulung, sondern im Gespräch am Arbeitsplatz. Die Frage lautet: Wobei verlierst du heute die meiste Zeit? Daraus entstehen die besten Einstiegspunkte.
- Geteiltes Wissen: Fähigkeiten und Wissenssammlungen, die eine Mitarbeiterin erarbeitet hat, sollen dem Team zur Verfügung stehen. Der Ayunis Core Marketplace geht einen Schritt weiter: Dort stellen Kommunen ihre Anwendungsfälle anderen Kommunen zur Verfügung. Eine Fähigkeit für Elternbriefe, die in Maulburg entwickelt wurde, kann in Laichingen installiert und sofort genutzt werden. Das senkt die Hürde erheblich, weil niemand bei null anfangen muss. Wer Wissen in einem Browserfenster produziert, das sich nach dem Schließen des Tabs auflöst, baut weder für sich noch für die Organisation einen Kompetenzvorsprung auf.
Was das für die Verwaltung bedeutet
Ob KI Fachkompetenz untergräbt, entscheidet sich nicht in der Technologie, sondern in der Einführung. Führungskräfte und Digitalisierungsverantwortliche, die diese Frage stellen, bevor KI im Einsatz ist, schaffen die Voraussetzung dafür, dass Mitarbeitende das Werkzeug führen. Der Stolz, den man der Laichinger Mitarbeiterin ansah, war kein Zufall. Er war das Ergebnis einer Einführung, die ihr Raum gegeben hat, etwas wirklich zu erarbeiten.
Quellen: Artificiality Institute, "How We Think and Live With AI: Early Patterns of Human Adaptation", Juni 2025 (journal.artificialityinstitute.org) | Artificiality Institute, "The Roles We Give AI: Trust, Presence, and Culture in a Symbiotic Age", Oktober 2025 (journal.artificialityinstitute.org) | Ayunis Day Recap, Stadt Laichingen, 30.09.2026 (intern) | Ayunis Community-Treffen Replay, Gemeinde Petersberg, 16.07.2026 (intern)


